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Sagittaron

Sagittaron
Antiker NameSagittarios
Alternativer NameSagittaria
SchutzgottZeus
Motto„Virtue et Industria“ („Tugend und harte Arbeit“)
Nationalhymne:?:
Nationalfeiertag:?:
SystemHelios Gamma
Einwohnerzahl3.932.140.000
HauptstadtTawa
Staatsformparlamentarische Demokratie
Wichtige StädteTawa
SehenswürdigkeitenDer Maidan von Tawa, die Bergdörfer, das Acheron-Delta

Kapitel 1: Eine zeitgenössische Betrachtung

1.1 Die astronomischen und symbolischen Grundlagen

Unter Zeus
Sagittaron liegt im System Helios Gamma, gemeinsam mit Scorpia und Libran. Der antike Name ist Sagittaron, seltener auch Sagittarius. Die Schutzgottheit ist Zeus, der Vater der Götter, der Donnerer, der Gerechte. Die Wahl ist bezeichnend. Während Gemenon seine Theokratie auf Hera stützt und Caprica seinen Apollinismus auf Apollon, verehrt Sagittaron den Obersten selbst, und es verehrt ihn nicht mit Tempelpomp, sondern mit stiller, alltäglicher Frömmigkeit. Ein sagittaronischer Bauer, der einem Fremden die Tür öffnet, nickt oft zum Himmel, bevor er den Gast einlässt. Das Nicken gilt nicht dem Wetter.
Einwohnerzahl: fast 4 Milliarden. Die Zahl ist höher als die öffentliche Wahrnehmung in den anderen Kolonien vermuten lässt, denn Sagittaron wird in der kolonialen Aufmerksamkeit unterrepräsentiert. Eine Kolonie, die wenig zu exportieren hat außer Arbeitskraft und Schmerz, bekommt wenig Presse. Sagittaroner wissen das und haben gelernt, damit zu leben. Manche sagen: deshalb zu leben.

Der Pfeil und der Bogen
Das inoffizielle Symbol Sagittarons ist die Silhouette eines gespannten Bogens mit eingelegtem Pfeil. Das Motiv ist alt, wahrscheinlich älter als die meisten sagittaronischen Überlieferungen, und es trägt zwei Bedeutungen, die sich in der sagittaronischen Seele nicht ausschließen. Der Pfeil ist Waffe, und er ist Gebet. Er wird abgeschossen, wenn es sein muss, und er wird, wenn er abgeschossen ist, dem Willen der Götter übergeben. Diese doppelte Lesart passt zur sagittaronischen Grundhaltung: man tut, was man kann, und überlässt den Rest einer Gewalt, die größer ist als man selbst. Ob diese Gewalt Gott oder Schicksal heißt, lassen die Sagittaroner offen.

1.2 Tawa und die Städte der Tempel

Tawa, die Hauptstadt
Tawa, die Hauptstadt Sagittarons, liegt rund sechzehnhundert Klicks landeinwärts in einem fruchtbaren Tal, das von zwei Zuflüssen des großen Stroms ACHERON gebildet wird. Die Stadt ist jünger als die großen Hauptstädte anderer Kolonien und wirkt trotzdem alt. Das liegt an der Bauweise. Tawa ist die Stadt der Tempel. Ovale Holzbauten mit dicken Wänden, geneigten Dächern und überraschend kühlen Innenräumen prägen das Stadtbild. Jede der ovalen Konstruktionen trägt religiöse Bedeutung, und jede ist zugleich praktisch. Die Tempel widerstehen Überflutungen, Winden und Schlammlawinen, und sie bieten Stauraum für Nahrungsmittel, die in Notzeiten die Gemeinde tragen. Die sagittaronische Architektur unterscheidet nicht scharf zwischen sakraler und profaner Funktion. Was den Göttern dient, soll auch den Menschen dienen.
Einige Klicks hinter dem Acheron-Delta steht ein aktiver Vulkan, dessen Name in den lokalen Sprachen mit „der Wütende“ übersetzt wird. Er raucht beständig und bricht alle paar Jahrzehnte aus. Tawa lebt mit ihm wie mit einem unberechenbaren Verwandten. Man achtet auf seine Launen, man respektiert sein Alter, man richtet sich darauf ein, dass er irgendwann wieder Rauch in die Küche blasen wird.

Die kleineren Städte und die Dörfer
Neben Tawa existieren zwei mittelgroße Städte, deren Namen in den interkolonialen Atlanten selten geführt werden, sowie eine große Zahl kleinerer Ortschaften, die in den Tälern der sagittaronischen Gebirge liegen. Die meisten dieser Dörfer sind im Winter für Wochen von der Außenwelt abgeschnitten. Diese Isolation wird in Sagittaron nicht als Mangel empfunden, sondern als Struktur. Wer im Winter eingeschneit ist, ist auch nicht erreichbar für die Forderungen der Außenwelt, und das hat seit Generationen als Gnade gegolten. Das zweite urbane Zentrum, in Küstennähe an einer Flussmündung gelegen, hat in den letzten Jahrzehnten erheblich an Bedeutung gewonnen. Hier sind die meisten Universitäten Sagittarons angesiedelt, die moderne Druckerei, eine Reihe unabhängiger Zeitungsredaktionen und das Zentrum einer jüngeren, städtisch geprägten Kultur, die sich mit einiger Deutlichkeit von der traditionalistischen Mehrheit des Landes absetzt. Wer auf Sagittaron von „den beiden Sagittarons“ spricht, meint diese Stadt und den Rest.

1.3 Die zwei Sagittaron

Das ländliche Sagittaron
Drei von vier Sagittaronern leben in den Bergtälern und kleinen Städten der ländlichen Regionen. Diese Sagittaroner sind fromm, zäh, misstrauisch gegenüber Fremden und gegenüber allen Versprechen, die aus der Stadt oder aus den anderen Kolonien kommen. Ihr Misstrauen ist nicht angeboren, es ist gelernt. Wer über Generationen erlebt hat, wie die eigenen Söhne in fremde Kriege geschickt wurden, wie die eigenen Ernten unter Wert aufgekauft wurden, wie die eigenen Kinder in fremden Schulen ihre Sprache verloren, der hat seine Skepsis verdient. Die Sagittaroner sagen: Wir sind nicht abergläubisch, wir erinnern uns nur.
Das Alltagsleben in den Dörfern ist regelmäßig und karg. Man arbeitet viel, besitzt wenig, feiert selten, und wenn man feiert, dann mit der Intensität derer, die sich das Fest verdient haben. Die Dorffeste dauern mehrere Tage, die Musik wird live gespielt, die Lieder sind alt und werden von den Großmüttern korrigiert, wenn die Enkel eine Strophe vergessen. Die sagittaronische Volksmusik, mit ihren schnellen Tanzrhythmen und ihren kehligen Gesangslinien, hat in den letzten Jahren einen bescheidenen Wiederentdeckungsmoment in den intellektuellen Kreisen Capricas erlebt. Die Sagittaroner haben diesen Moment mit der üblichen Mischung aus Stolz und Verdacht registriert. Wer unser Lied nimmt, nimmt auch etwas anderes mit.

Das städtische Sagittaron
Das andere Sagittaron wächst in den Städten heran, in den Universitäten, in den Redaktionen, in den kleinen Cafés, deren Besitzer nach einem Auslandsaufenthalt zurückgekehrt sind. Diese Sagittaroner sind jung, gebildet, oft mehrsprachig und gegenüber den anderen Kolonien aufmerksamer und kritischer als ihre Eltern. Sie haben Verwandte in Caprica City oder in Hypatia studiert, sie lesen capricanische Tageszeitungen, sie diskutieren leidenschaftlich über Fragen, die im Dorf nie gestellt würden. Manche von ihnen tragen ihre Herkunft mit trotzigem Stolz; andere versuchen, ihren Akzent abzulegen. Beide Wege führen zu anderen Problemen.
In den letzten Jahren vor dem Fall hat sich in diesen städtischen Milieus eine politische Stimmung zu verdichten begonnen, die sich mit den vertrauten Kategorien schwer beschreiben lässt. Es ist keine Revolte und kein organisierter Aufstand, eher eine Aufbruchsstimmung: Demonstrationen in Tawa, die ohne Gewalt verlaufen und mit erstaunlicher Disziplin organisiert sind; Gedichte in kleinen Zeitschriften, die vor zehn Jahren verboten gewesen wären; Diskussionsabende in überfüllten Sälen, die um drei Uhr morgens enden und in denen junge Sagittaroner eine Zukunft verhandeln, von der sie noch nicht wissen, ob sie sie haben werden. Wohin diese Bewegung geführt hätte, wird sich nicht mehr zeigen.

1.4 Die Frage der Medizin

Die verbreitete Annahme, Sagittaroner lehnten moderne Medizin ab, stimmt und stimmt nicht. Sie stimmt für einen Teil der ländlichen Bevölkerung, insbesondere für die älteren Generationen und für bestimmte religiös geprägte Gemeinschaften, die Krankheit als Prüfung verstehen und ihre Behandlung den Göttern und den überlieferten Heilmitteln überlassen wollen. Pflanzliche Medizin, Gebet, Handauflegen und Talismane: diese Praktiken sind in den Bergdörfern lebendig und werden mit großer Würde praktiziert. Wer einen Sagittaroner beim Heilritual beobachtet und es als Aberglauben abtut, hat nichts verstanden. Diese Rituale tragen Generationen von Erfahrung mit Armut, Isolation und Selbstversorgung. Sie sind, so der sagittaronische Konsens, oft genug das Einzige, was verblieben ist. Sie stimmt nicht für die städtischen Sagittaroner, die moderne Krankenhäuser nutzen, sich impfen lassen und ihre Kinder zu Ärzten schicken. Sie stimmt auch nicht für die Mehrheit der Mittelschicht, die sich zwischen beiden Welten bewegt: ein Besuch beim Arzt für das akute Problem, ein Besuch beim Heiler für die chronische Beschwerde, und Gebet für alle Fälle. Die capricanische Presse berichtet gerne über Masernausbrüche in den sagittaronischen Dörfern und weniger gern darüber, dass die Impfquote in Tawa nicht wesentlich niedriger liegt als in mittelgroßen capricanischen Städten. Die Wahrheit ist komplizierter als die Schlagzeile, und die Sagittaroner haben es aufgegeben, sie zu korrigieren.

1.5 Sprache und Bildung

Die sagittaronische Sprache steht dem Altslawischen nahe, mit einer eigentümlich melodischen Satzführung, in der jeder Satz auf ein betontes Schlusswort zuläuft. Sie wird in den Dörfern als Alltagssprache gepflegt und in den Städten als zweite Sprache neben dem Capricanischen verwendet. Wer ins öffentliche Leben drängt, lernt Capricanisch, und man hört ihm den Akzent später an wie anderen ihre Herkunft ansehen. Der sagittaronische Akzent gilt in den anderen Kolonien als bäuerlich, was einerseits den Vorurteilen entspricht und andererseits in bestimmten Kreisen der capricanischen Intellektuellen seit einigen Jahren als authentisch romantisiert wird. Beide Zuschreibungen sind Sagittaronern unerträglich, die zweite etwas mehr als die erste.
Die sagittaronische Literatur ist alt und wird unterschätzt. Die heiligen Schriften Sagittarons sind nach sagittaronischer Überzeugung älter als die gemenonischen Schriftrollen. Diese Behauptung ist in den religionswissenschaftlichen Fakultäten der anderen Kolonien umstritten; in Sagittaron gilt sie als Tatsache. Die dadurch entstehende Spannung mit Gemenon, das sich als rechtmäßiger Hüter der Schriften versteht, ist eine der zuverlässigsten Konfliktlinien der interkolonialen Religionspolitik. Die institutionelle Macht liegt bei Gemenon, der ältere Anspruch auf Sagittaron. Beide Seiten sind mit ihrer Position unzufrieden.
Die Bildung in den Dörfern ist einfach, aber nicht minderwertig. Die Schulen unterrichten Lesen, Schreiben, Rechnen, die heiligen Texte und die Landwirtschaft. Wer weitergehen will, geht nach Tawa oder in die zweite Stadt. Wer weitergehen will, verlässt Sagittaron, und manche kehren zurück. Die Rückkehrer sind eine eigene soziale Gruppe: gebildet, oft desillusioniert, mit einem genauen Bild sowohl davon, was die anderen Kolonien bieten, als auch davon, was sie verbergen.

1.6 Das Verbot von Gesang und Tanz in der Öffentlichkeit

Zu den sagittaronischen Eigentümlichkeiten, die in den anderen Kolonien gern mit Kopfschütteln kommentiert werden, gehört das Verbot öffentlicher Zuneigung, des öffentlichen Gesangs und des öffentlichen Tanzes. Diese Verbote sind gesetzlich verankert und werden strikter in den ländlichen Regionen und lockerer in den Städten gehandhabt. Das Reden über diese Aktivitäten ist formal ebenfalls eingeschränkt. Ein capricanischer Tourist, der in einem Dorfgasthaus einem Lied beiwohnen wollte, hat in der Regel kein Glück.
Die offizielle Begründung dieser Verbote ist religiöser Natur. Öffentliche Emotionsbekundung gilt als Schwäche und als Respektlosigkeit gegenüber den Göttern, denen Gesang und Tanz im privaten und liturgischen Rahmen gebühren, nicht auf der Straße. Die praktische Wirkung des Verbots ist eine andere: es schützt eine bestimmte Form der inneren Ordnung, in der das Gefühl nach innen gepflegt und nur in ausgewählten Kontexten herausgelassen wird. Die Feste in den Familienhäusern, in den Tempelhinterhöfen, in den geschlossenen Versammlungsräumen der Gemeinden, das sind die Orte, an denen gesungen und getanzt wird, mit einer Intensität, die in der capricanischen Diskothek schwer vorstellbar wäre. Die sagittaronische Gesellschaft tanzt und singt. Sie tut es nur nicht für Fremde.

1.7 Wirtschaft

Die sagittaronische Wirtschaft ist schwach und peripher. Landwirtschaft in den fruchtbaren Tälern, Bergbau in den ärmeren, Forstwirtschaft in den Wäldern, etwas Handwerk, wenig Industrie. Das meiste davon wird unter Wert an die reicheren Kolonien verkauft, die die sagittaronischen Rohstoffe, das sagittaronische Getreide und die sagittaronische Arbeitskraft mit einer Marge weiterverarbeiten, die auf Sagittaron selten ankommt. Wer Sagittaron kritisiert, weil es wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt, übersieht regelmäßig, wer die Preise diktiert. Der wichtigste Export Sagittarons ist Arbeitskraft. Sagittaronische Wanderarbeiter sind in den Minen Aerilons, auf den Baustellen Capricas, in den Küchen Leonis’ und in den Pflegeheimen Picons anzutreffen. Sie schicken einen erheblichen Teil ihres Lohns nach Hause, wo das Geld die Familien am Leben hält. Diese ökonomische Struktur, in der die Heimat auf die Überweisungen der Ausgewanderten angewiesen ist, hat tiefe soziale Folgen. Eine sagittaronische Familie, deren Vater oder Mutter sieben Monate im Jahr in einer anderen Kolonie arbeitet, funktioniert anders als eine capricanische. Die Kinder wachsen mit der Abwesenheit auf, die Ehen tragen Entfernung, und die Rückkehr nach sieben Monaten bringt einen Fremden ins Haus, der von allen wieder kennengelernt werden muss. Die Sagittaroner haben Lieder darüber, viele.

1.8 Sport und Alltag

Sagittaron hat ein Pyramid-Team, die Sagittaron Archers, beheimatet in Tawa. Das Team spielt in der kolonialen Liga und verliert die meisten Begegnungen, was in den Dörfern mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen wird. Verlieren ist eine sagittaronische Spezialität, und sie lässt sich nicht einmal beim Sport ablegen.
Der Alltagssport Sagittarons ist das Bergwandern und, in den Hochtälern, der Bogenschuss. Das Bogenschießen wird von Kindesbeinen an gelernt, ist in den Dörfern kaum wegzudenken und hat sich zu einer nationalen Kunstform entwickelt. Der Pfeil, so sagen die Sagittaroner, ist der einzige Verbündete, der immer hält, was er verspricht. Wer ihn abschießt, weiß, wohin er fliegt. Wer ihn empfängt, weiß, von wem er kam.

Kapitel 2: Klima und Geographie

2.1 Die Welt der Berge und Täler

Sagittaron ist eine gebirgige Welt. Der Hauptkontinent wird von zwei langen Gebirgsketten durchzogen, zwischen denen sich fruchtbare Hochtäler erstrecken. In den Tälern wird Landwirtschaft betrieben, in den Bergen Viehzucht und Bergbau. Die bewohnten Gebiete sind durch die Gebirge voneinander getrennt und nur im Sommer vollständig untereinander zugänglich. Die Bergpässe schließen sich im Oktober und öffnen sich im April, manchmal später. Wer in den Wintermonaten reist, rechnet mit Unwegsamkeit und mit der Möglichkeit, in einem fremden Dorf zu überwintern. Der große Fluss ACHERON teilt den Hauptkontinent in zwei Hälften. Er ist schiffbar in seinem Unterlauf, führt aber ganzjährig zu wenig Wasser, als dass er als Hauptverkehrsader dienen könnte. Die sagittaronische Infrastruktur verläuft über Bergstraßen, die von der planetaren Regierung seit Jahrzehnten ungenügend instand gehalten werden, und über einige Eisenbahnlinien, die aus der Zeit der ersten Industrialisierung stammen und deren Modernisierung immer wieder angekündigt und nie durchgeführt wird.

2.2 Das Klima

Das sagittaronische Klima ist kontinental und hart. Die Sommer in den Tälern sind heiß und kurz, die Winter lang und schneereich. In den Bergen verlängert sich der Winter um Monate, und die Hochtäler kennen Schneedecken, die erst im Juni vollständig schmelzen. Die Landwirtschaft ist diesen Bedingungen angepasst: Getreide wird im Tal angebaut, in den höheren Lagen gedeihen Kartoffeln, Hirse und Kohl. Die Viehzucht ist saisonal organisiert, mit Sommerweiden auf den Almen und Winterställen in den Dörfern.
Das Wetter spielt im sagittaronischen Alltag eine größere Rolle als in den meisten anderen Kolonien. Ein unerwartet früher Wintereinbruch kann eine Ernte vernichten und eine Region in den Hunger führen. Ein später Frühling verzögert die Aussaat und verkürzt die Vegetationsperiode. Die sagittaronische Landwirtschaft ist seit Generationen am Rand der Rentabilität, und die Wetterlaunen reichen aus, um sie ins Defizit zu treiben. Die kolonialen Ausgleichszahlungen für Ernteausfälle werden auf Sagittaron mit einer stehenden Ironie kommentiert: Sie kommen spät, sie kommen knapp, und sie werden mit einer Verwaltungslogik vergeben, die einen großen Teil des Betrages auf dem Weg vom Zentrum zum Empfänger verbraucht.

2.3 Die Regionen

Die Zentralen Täler
Die Zentralen Täler sind das fruchtbare Herz Sagittarons. Hier liegt Tawa, hier verlaufen die besten Eisenbahnstrecken, hier konzentriert sich die produktive Landwirtschaft. Die Bevölkerung ist dichter als in den Bergregionen, die Dörfer größer, die Infrastruktur besser. Wer in den Zentralen Tälern lebt, hat die besseren Chancen, und das wissen auch die Bewohner der anderen Regionen, die ihre Kinder in die Schulen Tawas schicken, wenn sie die Mittel haben, und sie seltener zurückbekommen, als sie gehofft hatten.

Die Hohen Berge
Die Hohen Berge im Norden und Osten des Hauptkontinents sind karg, dünn besiedelt, und bergen die ältesten Dörfer Sagittarons. Hier leben die sagittaronischen Traditionalisten, die sogenannten Alten Gläubigen, die sich der Moderne in all ihren Formen verweigern. Diese Gemeinschaften sind klein, etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung nach den letzten Schätzungen, aber sie haben eine kulturelle Sichtbarkeit, die ihrer Zahl nicht entspricht. Sie lehnen Elektrizität ab, lehnen die moderne Medizin ab, lehnen jeden Kontakt zu den kolonialen Behörden ab. Sie leben von dem, was ihre Vorfahren vor dreihundert Jahren gegessen haben, auf die gleiche Weise, mit denselben Gebeten. Die kolonialen Behörden lassen sie weitgehend in Ruhe, weil alles andere zu teuer wäre.
Die Berge sind auch das traditionelle Rückzugsgebiet des sagittaronischen Widerstands. Jede politische Bewegung, jede Guerilla-Gruppe, jede verfolgte Fraktion hat sich in den Bergen verborgen, und die Berge haben sie versteckt, solange die Bergbewohner es wollten. Das tauronische und das sagittaronische Widerstandswesen ähneln sich in diesem Punkt, aber die sagittaronischen Berge bieten mehr Tiefe und sind unwegsamer. Die kolonialen Sicherheitskräfte haben dort in den letzten hundert Jahren mehrere erfolglose Kampagnen geführt.

Die Westhänge und die Küstenebene
Die Westseite des Hauptkontinents fällt sanfter zur Küste ab. Hier liegt die zweite bedeutende Stadt Sagittarons, hier ist das Klima milder, hier ist die Modernisierung weiter fortgeschritten. Die Westhänge und die Küstenebene sind das Sagittaron, das Besuchern am ehesten begegnet: aufgeräumte Städte, bewirtschaftete Felder, Verbindungen zur Außenwelt. Wer auf Sagittaron nie aus der Küstenregion herauskommt, kehrt mit dem Eindruck zurück, die Kolonie sei nicht so arm wie ihr Ruf. Diese Wahrnehmung ist nicht falsch, aber sie ist unvollständig.

Die Südlichen Ebenen
Die Südlichen Ebenen sind eine offene, leicht hügelige Landschaft zwischen den beiden Gebirgsketten und dem südlichen Meer. Hier liegt der größte Teil der sagittaronischen Viehzucht. Die Dörfer sind weiter auseinander als in den Zentralen Tälern, die Kultur ist rauer und eigenständiger. Die Südlichen Ebenen haben eine eigene Tradition der Rossreiterei und eine eigene Volksmusik, die sich in Tempo und Instrumentierung von der der Bergtäler unterscheidet.

2.4 Die Architektur des Überdauerns

Die traditionelle sagittaronische Bauweise nutzt Holz, Naturstein und Lehm in Kombinationen, die Generationen lokaler Erfahrung widerspiegeln. Häuser sind niedrig, gedrungen, mit tiefen Dächern, die Schneelasten tragen, und mit dicken Wänden, die Wärme speichern. Die Fenster sind klein und doppelt verglast, wo es das Budget erlaubt. Im Innern sind die Häuser um einen zentralen Ofen angeordnet, der im Winter Tag und Nacht brennt und im Sommer kaum genutzt wird. Die sagittaronische Gastfreundschaft beginnt regelmäßig am Ofen. Wer eintritt, wird zum Ofen geführt, und wer am Ofen sitzt, ist Gast.
Die Tempel Sagittarons, von denen oben die Rede war, folgen einer eigenständigen architektonischen Tradition. Ovaler Grundriss, doppelwandige Konstruktion, geneigte Dächer in der Form eines gespannten Bogens. Diese Bauten stehen oft seit Jahrhunderten und haben mehrere Feuer, Überschwemmungen und Plünderungen überdauert. Die Plünderungen geschahen in den Epochen fremder Besatzung und werden in der sagittaronischen Erinnerung nicht verklärt, aber genau verzeichnet. Jede Gemeinde weiß, wann ihr Tempel brannte und wer ihn wieder aufgebaut hat.

Kapitel 3: Politik, Religion und Widerstand

3.1 Die schwache Republik

Sagittaron ist, wie fast alle Kolonien, formell eine parlamentarische Demokratie. Das Parlament in Tawa tagt regelmäßig, die Regierungen wechseln mit einer Häufigkeit, die Außenstehenden als instabil gilt und den Sagittaronern selbst als normal. In den letzten dreißig Jahren hat keine sagittaronische Regierung eine volle Legislaturperiode überdauert. Die Koalitionen zerbrechen an Korruptionsskandalen, an Wirtschaftskrisen, an auswärtigem Druck oder an inneren Flügelkämpfen innerhalb der großen Parteien, die in wechselnden Konstellationen um die Macht ringen.
Die sagittaronische Politik ist ein Netz aus Patronage, regionalen Loyalitäten und konfessionellen Interessen. Eine Partei zu wählen heißt weniger, einem Programm zuzustimmen, als einem Netz von Beziehungen beizutreten, das von einem bestimmten Politiker getragen wird. Wenn der Politiker fällt, fällt das Netz, und mit ihm die politische Heimat derer, die zu ihm gehörten. Diese Struktur ist ineffizient und korruptionsanfällig, aber sie hat sich als erstaunlich stabil erwiesen. Die Sagittaroner haben sie sich nicht ausgesucht, sie sind in ihr aufgewachsen, und sie wissen, wie man in ihr überlebt.
Die Beziehung zur kolonialen Föderation ist angespannt. Sagittaron ist das Sorgenkind der Föderation, und die Föderation ist die Fremdherrschaft Sagittarons. Die föderalen Transferzahlungen halten die sagittaronische Wirtschaft über Wasser, aber sie kommen mit Bedingungen und mit einer Verwaltungsaufsicht, die in Tawa als Entwürdigung empfunden wird. Die sagittaronische Delegation im Quorum der Zwölf vertritt ihre Anliegen mit Beharrlichkeit, aber ohne die Kraft, die eine wohlhabende Kolonie in die Waagschale legen könnte. Man wird höflich angehört und selten überstimmt, weil man selten eine Mehrheit zustande bringt.

3.2 Die Religion des Alltags

Die sagittaronische Frömmigkeit unterscheidet sich tief von der gemenonischen. Wo Gemenon die institutionelle Macht und die dogmatische Strenge pflegt, pflegt Sagittaron die gelebte Alltagsreligion. Die Zwölf Götter werden verehrt, aber nicht mit der Inbrunst einer zentralen Orthodoxie. Jeder Gott hat seine Zuständigkeit, jede Familie hat ihre bevorzugten Gottheiten, jede Region hat ihre eigenen Heiligen, die in Gemenon mit einer Mischung aus Herablassung und Entrüstung aufgenommen werden. Das sagittaronische Religionsverständnis ist pragmatisch und persönlich. Man hat einen Gott, mit dem man redet, und man betet ihn wie einen älteren Verwandten an: mit Respekt, aber auch mit Vertrautheit.
Die heiligen Schriften Sagittarons, die, wie erwähnt, nach sagittaronischem Selbstverständnis älter sind als die gemenonischen, werden in den Dörfern nicht theologisch, sondern praktisch gelesen. Sie dienen als Anleitung für Geburt, Hochzeit und Tod, für Krankheit und Ernte, für den Umgang mit Fremden und für den Umgang mit Verrat. Die theoretische Dogmatik wird den Priestern überlassen, die in Sagittaron eine bescheidene Position genießen, nichts Vergleichbares zu der gemenonischen Machtstellung. Ein sagittaronischer Priester ist nicht Machthaber, er ist Diener der Gemeinde.
Die Alten Gläubigen in den Hohen Bergen haben sich von dieser lebensweltlichen Frömmigkeit in eine strengere, asketische Form abgespalten. Sie lehnen nicht nur die moderne Medizin, sondern auch die meisten modernen Errungenschaften ab und leben in einer Ordnung, die sich um die wörtliche Auslegung der alten Texte dreht. Ihre Haltung wird von den übrigen Sagittaronern mit einer Mischung aus Respekt und Skepsis wahrgenommen. Man ehrt ihre Treue zu den Überlieferungen, man hält ihren Lebensstil aber für eine Übertreibung. Sie sind das gute Gewissen und die Warnung zugleich.

3.3 Der Widerstand und Tom Zarek

Die Tradition des bewaffneten Widerstands
Die sagittaronische Geschichte kennt keine Phase, in der nicht irgendwo im Gebirge eine bewaffnete Gruppe gegen die jeweils herrschende Macht gekämpft hätte. Die Namen, die Ideologien und die Ziele dieser Gruppen haben sich geändert; die Struktur und die Methoden sind erstaunlich konstant geblieben. Kleine Zellen in den Bergen, Unterstützer in den Dörfern, Sympathisanten in den Städten, Verbindungen in die Diaspora, die das Geld und die Waffen beschafft. Das Repertoire reicht von symbolischer Sabotage bis zu Bombenattentaten, und die Frage, ob diese Handlungen legitim sind, wird in Sagittaron mit einer Ernsthaftigkeit diskutiert, die in anderen Kolonien unverständlich wirkt.
Die koloniale Regierung bezeichnet die aktiven Gruppen als Terroristen. Die sagittaronische Selbstauffassung verwendet das Wort nicht gerne. Sie sprechen von den Freiheitskämpfern, von den Unseren, von den Jungs aus den Bergen, und die Ausdrücke tragen eine Schattierung, die das capricanische Wort „Terrorist“ nicht übersetzen kann. Ein Bombenattentat, das in der kolonialen Presse Entrüstung auslöst, wird in einem sagittaronischen Bergdorf mit einer Mischung aus Trauer und stiller Zustimmung aufgenommen. Dass Zivilisten sterben, ist bedauerlich. Dass ohne solche Handlungen niemand zuhört, ist die andere Hälfte der Überlegung.

Tom Zarek
Die bekannteste Gestalt des sagittaronischen Widerstands der letzten Jahrzehnte ist Tom Zarek. Aus einer kleinbürgerlichen Familie in Tawa stammend, akademisch gebildet, politisch radikalisiert in den studentischen Bewegungen seiner Jugend, übernahm er früh die Leitung einer bewaffneten Fraktion, die sich als „Arm der Unterdrückten“ verstand. Zareks Angriffe richteten sich gegen sagittaronische Politiker, die als Marionetten der kolonialen Föderation galten, gegen capricanische Unternehmensinteressen, die die sagittaronische Wirtschaft plünderten, und in einigen aufsehenerregenden Fällen gegen öffentliche Einrichtungen, deren symbolische Bedeutung höher war als ihr militärischer Wert.
Zareks Werk hatte Opfer. Bei einem Bombenattentat auf ein Regierungsgebäude in Tawa starben unbeteiligte Zivilisten, darunter Kinder, und diese Opfer trugen das Echo, das bewaffneter Widerstand eben immer trägt. Zarek wurde verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis schrieb er mehrere Bücher, die in den kolonialen Universitäten zu Pflichtlektüre wurden und die ihn in den Augen vieler junger Menschen, nicht nur in Sagittaron, zu einer moralischen Autorität erhoben. Die Spannung zwischen Zarek als Mörder und Zarek als Philosoph ist nicht aufgelöst, und die sagittaronische Öffentlichkeit hat es aufgegeben, sie aufzulösen. Man liest seine Bücher, man weiß, was er getan hat, und man trägt beides nebeneinander, ohne den Widerspruch zu glätten.
Präsident Adar bot Zarek einige Jahre vor dem Fall eine vollständige Amnestie an, unter der Bedingung des Gewaltverzichts. Zarek lehnte ab. Über die Gründe dieser Ablehnung wurde in den kolonialen Medien spekuliert, und die Spekulationen reichten von „dogmatische Verblendung“ bis zu „taktisches Kalkül“. Die sagittaronische Lesart ist einfacher: Zarek wusste, dass eine Amnestie ohne Anerkennung seiner Sache eine Kapitulation gewesen wäre. Er blieb im Gefängnis, weil er das Gefängnis seiner Situation angemessen fand. Diese Haltung wird auf Sagittaron verstanden, auch von denen, die seine Methoden ablehnen.

3.4 Die städtische Hoffnung

Neben dem bewaffneten Widerstand, der seine Legitimität aus der Bergtradition bezieht, hat sich in den sagittaronischen Städten eine andere politische Strömung entwickelt, die sich weniger leicht beschreiben lässt. Sie hat keinen eindeutigen Anführer, keine verbindliche Programmatik, keine scharfen Organisationsgrenzen. Was sie hat, ist eine Stimmung, eine Hoffnung, eine Überzeugung, dass Sagittaron nicht verdammt ist, immer nur zu verlieren, und dass die demokratischen Institutionen, die so oft enttäuscht haben, sich von innen erneuern lassen, wenn genügend Menschen bereit sind, dafür einzustehen.
Die Träger dieser Bewegung sind überwiegend jung und urban. Studenten der beiden Universitäten, junge Journalisten, die in den unabhängigen Zeitungen arbeiten, kleine Unternehmer, die in den Städten neue Geschäftsmodelle erproben, Auslandsrückkehrer, die mitgebracht haben, was sie anderswo gesehen haben. Ihre Demonstrationen sind gewaltfrei und gut organisiert. Ihre Parolen sind einfach und ohne die übliche Aggression der Oppositionsrhetorik. Sie fordern nicht die Abschaffung der kolonialen Föderation, sie fordern einen Platz in ihr, der der Würde Sagittarons entspricht. Sie sind, im besten Sinne des Wortes, idealistisch. Ob der Idealismus getragen hätte, wird sich nicht mehr zeigen.
Die Beziehung zwischen dieser städtischen Bewegung und dem bewaffneten Widerstand ist spannungsreich. Die jungen Idealisten lehnen die Methoden des Widerstands ab; die Widerständler halten die Idealisten für naiv. Beide Gruppen entstammen derselben Empörung über die Lage Sagittarons, und beide würden die Freiheit der Kolonie wollen, aber sie verstehen darunter unterschiedliche Dinge. Auf einer Demonstration in Tawa im letzten Frühjahr vor dem Fall trugen junge Frauen Plakate, auf denen nichts anderes stand als das sagittaronische Wort für Würde. Die Polizei ließ die Demonstration weitgehend ungestört. Sie war zu groß, um sie aufzulösen, und zu friedlich, um einen Vorwand zu bieten. Es war eine dieser Stunden, in denen Geschichte sich zu bewegen scheint.

Kapitel 4: Die Geschichte Sagittarons

4.1 Die frühe Zeit (2850–3500)

Die Überlieferungen berichten, dass der Stamm des Bogens nach dem Exodus von Kobol jene bergige Welt erreichte, die später seinen Namen tragen sollte. Die Ankunft war beschwerlich. Die Berge waren unwirtlich, die Täler schmal, die Böden in der Mehrzahl karg. Zeus wurde von Anfang an verehrt, und aus den frühesten überlieferten Gebeten spricht jene Mischung aus Respekt und vertrauter Klage, die das sagittaronische Verhältnis zu den Göttern bis heute prägt. Die heiligen Schriften Sagittarons, nach sagittaronischer Überzeugung die ältesten der Kolonien, datieren wesentliche Teile ihres Textbestands in diese Epoche. Gemenonische Religionswissenschaftler bestreiten die Datierung, sagittaronische bestätigen sie. Eine unabhängige Prüfung ist nicht möglich, weil die Originalmanuskripte, die in Sagittaron verwahrt werden, nie in die kolonialen Forschungsarchive gelangt sind. Die sagittaronischen Gemeinden haben sich geweigert, sie herauszugeben, und diese Weigerung ist, wie so vieles Sagittaronische, gleichzeitig Stolz und Misstrauen.

4.2 Die Epoche der Besatzungen (3500–4300)

Die sagittaronische Geschichte ist eine Abfolge von Besatzungen. Zuerst kamen die Virgoner, in der ersten großen Expansionswelle ihres Imperiums. Sie etablierten eine Kolonialverwaltung, die vergleichsweise locker war, die tauronischen Gemeinden in Ruhe ließ, solange die Tribute flossen, und die im Laufe der Jahrhunderte von der Gewohnheit fast unmerklich abgelöst wurde. Die virgonische Herrschaft hinterließ auf Sagittaron weniger tiefe Spuren als auf Tauron oder Picon. Man erinnert sich an sie, aber man trauert ihr nicht nach und rächt sich nicht für sie. Als das Leonische Kaiserreich Virgon verdrängte, fiel Sagittaron an Leonis. Die leonische Herrschaft war härter. Sie versuchte, die sagittaronische Kultur umzuformen, verbot den Gebrauch der sagittaronischen Sprache in offiziellen Kontexten, zwang die Priester, in leonischen Schulen ausgebildet zu werden, zog junge Sagittaroner als Hilfstruppen in die leonischen Feldzüge und ließ die sagittaronischen Bergbauregionen systematisch ausbeuten. Aus dieser Epoche stammt jener tiefe sagittaronische Groll gegen Leonis, der bis heute nachwirkt und der in der sagittaronischen Erinnerungsliteratur eine eigene Gattung begründet.

4.3 Die Befreiung und die kurze Unabhängigkeit (4300–4500)

Nach dem Zusammenbruch des Leonischen Kaiserreichs erlangte Sagittaron eine Phase nomineller Unabhängigkeit. Sie währte rund zwei Jahrhunderte und war geprägt von inneren Unruhen, wirtschaftlicher Schwäche und der wachsenden ökonomischen Abhängigkeit von den neuen kolonialen Mächten, insbesondere von Caprica. Politisch war Sagittaron frei; wirtschaftlich wurde es umfassender ausgebeutet als in manchen Epochen der formalen Besatzung. Capricanische Handelshäuser übernahmen Schritt für Schritt die Kontrolle über die Rohstoffmärkte, die Minen, die Exportkanäle. Wer den Preis diktiert, herrscht, auch wenn er nie einen Gouverneur schickt.
Die sagittaronischen Intellektuellen dieser Epoche sprachen vom „Gespenst der Unabhängigkeit“: einer politischen Freiheit, die in der ökonomischen Realität keine Entsprechung hatte. Diese Beobachtung ist in den sagittaronischen politischen Diskurs dauerhaft eingegangen. Formale Staatlichkeit ohne ökonomische Selbständigkeit wird in Sagittaron nicht als Freiheit anerkannt.

4.4 Die moderne Epoche (4500–4805)

Die Industrialisierung erreichte Sagittaron spät und unvollständig. Die Minen wurden modernisiert, einige Eisenbahnen wurden gebaut, die Städte wuchsen, aber die sagittaronische Wirtschaft blieb in der kolonialen Arbeitsteilung auf der Seite der Rohstofflieferanten. Die politische Verfassung entwickelte sich in diesen Jahrhunderten in Richtung einer parlamentarischen Republik, deren Institutionen formal den capricanischen und virgonischen Vorbildern nachgebildet waren und in der Praxis den lokalen Bedingungen, den Patronagenetzwerken und den konfessionellen Spannungen entsprachen.
In dieser Epoche entstanden auch die ersten organisierten Widerstandsbewegungen gegen die ökonomische Fremdbestimmung. Einige davon waren eher Gewerkschaften, andere nahmen militante Formen an. Die bekanntesten dieser Bewegungen, die „Bergbrüder“ und der „Bund der Freien Täler“, sind historische Vorläufer der späteren Organisationen, zu denen auch Zareks Gruppe zählte.

4.5 Die Föderation und die letzten Jahrzehnte (4805–4856)

Die Unterzeichnung der Kolonisationsartikel wurde auf Sagittaron mit ambivalenten Gefühlen aufgenommen. Einerseits bot die Föderation den Schutz gegen eine wiederkehrende Cylonenbedrohung und Zugang zu Transferzahlungen, die die marode sagittaronische Wirtschaft stabilisieren würden. Andererseits zementierte sie die Rangordnung der Kolonien und gab Sagittaron einen Platz, der seiner historischen Würde nicht entsprach. Die sagittaronische Delegation unterzeichnete unter Druck, nicht aus Überzeugung, und in den folgenden Jahrzehnten hat Sagittaron immer wieder Anlass gegeben, diese Unterschrift als erzwungen darzustellen.
Die Jahrzehnte vor dem zweiten Angriff waren politisch unruhig. Mehrere Regierungen stürzten über Korruptionsaffären. Die Wirtschaftslage verschlechterte sich stetig, die Auswanderung nahm zu, der bewaffnete Widerstand erlebte eine Wiederbelebung, dem die Präsidentschaft Adars mit der erwähnten Amnestieinitiative zu begegnen versuchte. Zugleich formierte sich in den Städten jene junge, städtische Hoffnungsbewegung, die im vorigen Kapitel beschrieben wurde. Sagittaron war, zum Zeitpunkt des cylonischen Angriffs, eine Kolonie in Bewegung, deren Richtung noch nicht entschieden war.

Epilog: Das Ende (4856)
Am 276. Tag des Jahres 4856 erreichte der cylonische Angriff auch Sagittaron. Tawa wurde in den ersten Stunden bombardiert, die industriellen Anlagen an der Westküste in den folgenden Tagen. Die Bergregionen entgingen zunächst der direkten Zerstörung, waren aber von der Versorgungsinfrastruktur abgeschnitten und begannen innerhalb weniger Wochen zu leiden. Die sagittaronische Bevölkerung starb nicht so schnell wie jene Capricas oder Leonis’, aber sie starb, und die wenigen Überlebenden, die sich in die tiefen Bergtäler zurückzogen, werden von niemandem mehr gehört. Unter den Überlebenden der Flotte sind Sagittaroner vertreten, aber nicht zahlreich.
Die Mehrheit der sagittaronischen Diaspora lebte zum Zeitpunkt des Angriffs in den anderen Kolonien, die ebenso zerstört wurden, und nur wenige von ihnen waren an den wenigen Orten, an denen eine Rettung in die Flotte möglich war. Die Sagittaroner in der Flotte bilden eine eigene Gemeinschaft, oft am Rand der offiziellen Strukturen, oft in den schlechter bezahlten Arbeiten der Versorgungsschiffe. Sie sind in den Statistiken überrepräsentiert, die die soziale Ungleichheit der Flotte messen, und unterrepräsentiert in den Statistiken, die die politischen Ämter und die militärischen Ränge verteilen. Diese Ungleichheit ist alt. Sie hat den Untergang der Welten überdauert.
Was die sagittaronischen Überlebenden in die Flotte mitgebracht haben, ist das, was jeder Sagittaroner überall mitbringt: eine zähe Religiosität, die die Götter als Vertraute und nicht als Machthaber anredet, eine instinktive Skepsis gegenüber jeder Form von Autorität, die sich als gütig ausgibt, eine Fähigkeit zum Überleben unter Bedingungen, unter denen andere längst aufgegeben hätten, und eine Musik, die in den Versorgungsgängen der Flotte leise weitergesungen wird. Die Sagittaroner singen diese Lieder jetzt nicht mehr nur in ihren Häusern, weil sie keine Häuser mehr haben. Sie singen sie in den Gängen, wo kein Gesetz es verbietet und kein Dorf es verlangt, und die Lieder klingen anders jetzt, nicht trotziger, aber freier. Vielleicht ist das der letzte kleine Sieg, den die Kolonie davongetragen hat. Er ist nicht nichts.

5.Irdische Entsprechung

Farbe: Schlammbraun │ Dominantes Merkmal: Dreckig, ärmlich, bäuerlich

Kurzversion:
Sagittaron ist die Kolonie, die alle anderen ausbeuten und niemand respektiert. Bergige Täler, harte Winter, und ein Volk, das sich an Traditionen klammert, die älter sind als die Schriftrollen Gemenons — weil ihnen sonst nichts geblieben ist. Wer von hier kommt, hat gelernt, mit Verachtung zu leben.

Ausführliche Notizen:
Die zentrale Referenz ist Osteuropa in der Post-Sowjet-Ära: die wirtschaftliche Ausbeutung, die politische Ohnmacht, die Würde eines Volkes, dem systematisch alles genommen wurde. Die Ukraine-Parallele schwingt mit — ein Land, das zwischen größeren Mächten zerrieben wird. Die religiösen Traditionalisten (Ablehnung von Medizin, Rückzug aus der modernen Gesellschaft) entsprechen den „Old Believers“ Russlands, mit Parallelen zu Amish und Mennoniten: nicht aus Dummheit, sondern aus tiefem Misstrauen gegenüber einem System, das sie immer wieder verraten hat.
Die politische Dimension — Freiheitskampf durch Anschläge, Ausnutzung der Bevölkerung auf Kosten ihrer Gesundheit — ist direkt dem Irland-Konflikt entlehnt, und Zarek ist die BSG-Version eines IRA-Führers, der zwischen Freiheitskämpfer und Terrorist changiert. Sagittaron hat ältere religiöse Schriften als Gemenon, was die Spannung zwischen beiden Kolonien befeuert: Gemenon hat die institutionelle Macht, Sagittaron den älteren Anspruch. Gesellschaftlich streng — Verbot öffentlicher Zuneigung, Gesang und Tanz sind reguliert — und de facto Sklavenarbeit für die reicheren Kolonien. Fruchtbare Täler zwischen kargen Bergen, harte Winter.

Inspiration:
Filme über den Nordirland-Konflikt (’71, Bloody Sunday), osteuropäisches Kino der Post-Sowjet-Ära, Dokumentationen über die Old Believers in Sibirien.

6.Charaktere von Sagittarion


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Siehe auch: Reiseführer Sagittaron

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