Virgon
Kapitel 1: Eine zeitgenössische Betrachtung
1.1 Die astronomischen und symbolischen Grundlagen
Das System Helios Beta
Virgon umkreist, gemeinsam mit Leonis, den Stern Helios Beta, Nachbar und über Jahrhunderte hinweg größter Rivale und Feind. Die Geographie ist hier, wie so oft in den Kolonien, Schicksal: Dass Virgon dauerhaft in der Nachbarschaft seines ehemaligen Rivalen leben musste, hat das virgonische Selbstverständnis über Jahrhunderte hinweg weniger beruhigt als komplimentiert. Man ist, wie die Höflinge der alten Zeit zu sagen pflegten, niemals so sehr Herr im eigenen Hause, wie wenn der Feind noch in Sichtweite wohnen.
Dem Planeten zugeordnet ist der Mond Hibernia — in virgonischer Amtssprache ein „assoziiertes Territorium“, in hibernischer Alltagssprache ein „Mond, den wir noch nicht ganz losgeworden sind“. Das gespannte Verhältnis zwischen Mutterplanet und Mond ist ein eigenes Kapitel dieser Betrachtung wert und wird dort behandelt.
Die Jungfrau und die Farbe des Himmels
Das Sternbild der Jungfrau ist das symbolische Erbe des Stammes, der Virgon nach dem Exodus von Kobol besiedelte; Hestia, Göttin des Herdes und der häuslichen Ordnung, ist seine Schutzgöttin. Diese Wahl ist sprechend: Wo Artemis die Leoniers zur jagdhaften Eroberung trieb, Ares die Tauroner in den immerwährenden Kampf und Apollon die Capricaner in die unbedingte Vernunft, erhob sich auf Virgon eine Gottheit, deren Domäne das geordnete Innen ist — der Herd, der nicht erlischt, das Haus, das steht, die Linie, die sich fortsetzt. Der virgonische Konservatismus hat hier seine theologische Begründung, und er versteht sich selbst als Treue gegenüber einem kosmischen Prinzip, nicht als bloße Beharrung.
Das unverwechselbarste Merkmal Virgons ist jedoch nicht seine Götterwahl, sondern die Farbe seines Himmels. Die Flora des Planeten produziert Öle, die im Sonnenlicht verdunsten und die Atmosphäre in einen bläulichen Schimmer tauchen; die Bergbaugebiete des Südens, reich an Anthracenum, verstärken diesen Effekt durch den ultravioletten Fluoreszenz der Verbindung. Virgonische Sonnenuntergänge sind legendär blau — ein Schauspiel, das Postkarten füllt, touristische Reisebüros nährt und in der virgonischen Lyrik eine ganze Tradition begründet hat. Das „Virgan Blue“, jenes milde, etwas verwaschene Blau, ist auf Virgon mehr als eine Farbe: Es ist eine Behauptung, ein kultureller Anspruch, eine Marke. Die Flagge führt es als Grundton, und die Pyramid-Mannschaft Virgon United spielt in keiner anderen Farbe — obwohl die Rivalen, die Boskirk All Reds, aus Trotz das Rot gewählt haben, das man von den roten Uniformen der Palastwache kennt.
1.2 Boskirk — Die Stadt der Könige
Eine Hauptstadt mit zu viel Geschichte
Boskirk war für fast tausend Jahre die Hauptstadt der Zwölf Kolonien, eine Tatsache, die in der virgonischen Erinnerung eine ähnliche Rolle spielt wie die verlorene Jugend in der Autobiographie eines alternden Mannes. Die Stadt erstreckt sich entlang eines breiten Flusses, dessen Ufer von Parks, Boulevards und klassizistischen Palästen gesäumt werden. Das Parlamentsgebäude, der Turm von Virgon, der Petrus-Palast, die ehrwürdigen Universitätsviertel, all das bildet ein städtebauliches Ensemble, das sich in seiner selbstbewussten Geschlossenheit mit Luminere messen kann und das ebenso wie Luminere im Ersten Cylonenkrieg schwere Schäden erlitt und originalgetreu rekonstruiert wurde.
Die U-Bahn Boskirks heißt „The Tubes“ und trägt den Großteil des städtischen Verkehrs. Ihre Stationen sind mit emaillierten Kacheln ausgekleidet, deren Muster seit über einem Jahrhundert unverändert sind; eine Reform, die das Kachelmuster der Linie gegen etwas Moderneres ausgetauscht hätte, wurde in den 04860er Jahren in Erwägung gezogen und nach einer Welle öffentlicher Empörung wieder fallengelassen. Virgon bewahrt, was andere Kolonien längst ersetzt hätten — nicht aus mangelnder Modernität, sondern aus einer Haltung, die den Ersatz des Vertrauten als Barbarei empfindet.
Blousted und Hadrian
Blousted an der Küste, nur eine Stunde mit dem Schnellzug von Boskirk entfernt, ist der traditionelle Rückzugsort der Hauptstadt-Gesellschaft. Man hat dort sein Sommerhaus oder zumindest eine Freundin, die eines hat. Die Stadt ist touristisch geprägt, aber auf jene diskrete Weise, die sich Tourismus leisten kann, ohne sich ihm zu unterwerfen: Die großen Hotels residieren in umgebauten Herrenhäusern, die Strände sind sauber und die Preise sind hoch genug, um ein bestimmtes Klientel fernzuhalten.
Hadrian im Süden hingegen ist die Stadt der Arbeit. Hier werden die Erze gefördert, hier liegen die Werften, hier finden sich die Fabriken, die Virgons wirtschaftliche Basis bilden und die in den virgonischen Feuilletons selten auftauchen. Die Beziehung zwischen Boskirk und Hadrian ähnelt dem Verhältnis vieler alter Hauptstädte zu ihrem industriellen Hinterland: Man verdankt ihm viel, man spricht nicht darüber, und man besucht es nicht. Hadrian hat seinen eigenen Akzent, seine eigene Küche, seine eigene politische Tradition — und ein virgonischer Bürger von Rang, der in Hadrian aufgewachsen ist, trägt diese Herkunft lebenslang mit einer Mischung aus Trotz und subtiler Entschuldigung.
1.3 Sprache und das Ohr der Gesellschaft
Virgonisch ist, in seiner Hochform, die Sprache der alten kolonialen Verwaltung — jene Sprache, in der einst die Verträge geschlossen wurden, die anderen Kolonien ihre Abhängigkeit verordneten. Heute ist das Virgonische eine Minderheitensprache unter dem Dach des Capricanischen, wird aber in den Universitäten, in der Monarchie und in der Oberschicht weiterhin gepflegt und im Parlament von Boskirk wie selbstverständlich gesprochen. Capricanisch gilt in den besseren virgonischen Kreisen als Sprache des Geschäfts, nicht als Sprache der Kultur, und man bedient sich ihrer mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der man einen Schirm gegen den Regen verwendet.
Der wahre Stolz der virgonischen Sprachkultur liegt jedoch nicht im Wortschatz, sondern in der Aussprache. Das geschulte virgonische Ohr identifiziert einen Sprecher nicht nur nach Kolonie, sondern nach Region, oft nach Stadt, gelegentlich nach Stadtviertel. Ein Satz genügt, um zu hören, ob jemand aus den alten Familien des Ostens Boskirks stammt oder aus den Neureichen-Vororten des Westens, aus Hadrian oder von den Blaustader Dünen. Diese akustische Kartographie ist eine jahrhundertealte gesellschaftliche Kunst, und sie hat einen Zweck, über den man auf Virgon nicht spricht: Sie ermöglicht es, innerhalb von Sekunden zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Der Versuch, seinen Akzent zu verändern — eine Praxis, die auf Caprica als berufliche Notwendigkeit gilt — wird auf Virgon mit besonderem Argwohn betrachtet. Ein Virgoner, der seinen Akzent ablegt, verleugnet nicht nur seine Herkunft, sondern beleidigt auch das Ohr seines Gegenübers, das schließlich die Mühe auf sich genommen hat, zuzuhören.
1.4 Bildung und die Würde der alten Häuser
Die Virgon Universitäten
Die virgonischen Universitäten gehören zu den ältesten und angesehensten Hochschulen der Kolonien. Ihre gotischen Höfe, ihre eichengetäfelten Seminarräume, ihre jahrhundertealten Bibliotheken bilden jenes zeremonielle Ambiente akademischer Bildung, das auf Caprica mit Unverständnis und auf Leonis mit kollegialer Anerkennung betrachtet wird. Die Rivalität zwischen den virgonischen Universitäten und jenen Lumineres ist ein freundschaftlicher Krieg niedriger Intensität, geführt in Fußnoten, bei Fakultätsempfängen und durch gelegentliche gegenseitige Berufungen, die als diplomatische Siege gefeiert werden.
Der Abschluss an einer virgonischen Universität ist in bestimmten Kreisen noch immer mehr wert als derselbe Abschluss von Caprica. Der stille Konsens der alten Welt lautet: Was dort gelehrt wird, ist zwar auf dem neuesten Stand, aber was hier gelehrt wird, ist das, was ein gebildeter Mensch wissen sollte. Der Unterschied wird selten ausgesprochen, aber er wirkt fort, und er wird in den Einstellungspraxen der besseren virgonischen Häuser weiterhin beachtet.
Der Adel und die Bildung
Die Drei-Kinder-Tradition des virgonischen Adels, von der später noch ausführlicher die Rede sein wird, hat der Universitätslandschaft ein eigenes Gepräge gegeben. Das erste Kind studiert, was es braucht, um das Familienerbe zu verwalten, meist Rechtswissenschaft, Ökonomie oder Geschichte. Das zweite Kind studiert, was es in ein dienendes Amt führt, Theologie, Politikwissenschaft, Philosophie oder das öffentliche Recht. Das dritte Kind studiert, was an der Militärakademie verlangt wird, und betritt das gewöhnliche Universitätsleben oft nur als Gast. Diese Arbeitsteilung der Fachrichtungen ist zwar formal nicht vorgeschrieben, aber statistisch so robust, dass virgonische Soziologen sie zu den stabilsten kulturellen Tatsachen der Kolonien zählen.
1.5 Die Ökonomie des Halbleiters
Wenn Caprica die Software der Kolonien lieferte, so lieferte Virgon die Hardware. Die südliche Hemisphäre Virgons ist außerordentlich reich an Germanium, Cadmium, Gallium und praktisch allen Elementen, die in der Produktion fortgeschrittener Halbleiter benötigt werden. Ohne virgonische Rohstoffe hätte es keine capricanische Technologieindustrie gegeben: eine Tatsache, die in Boskirk mit einer Mischung aus Stolz und Verbitterung zur Kenntnis genommen wurde. Die Wertschöpfungskette war so organisiert, dass der größte Teil des Gewinns in Caprica City verblieb, während Virgon die Minen, die Umweltschäden und die politische Abhängigkeit von volatilen interkolonialen Rohstoffpreisen behielt.
Daneben bestand die traditionelle Exportökonomie Virgons fort: Tee aus den Blaustader Hügeln, handgefertigte Textilien, Parfüm, klassische Musikinstrumente, literarische Editionen, die die Verlage der anderen Kolonien niemals hätten produzieren wollen oder können. Die virgonischen Luxusgüter richten sich an ein internationales Publikum, das Wert darauf legt, Dinge zu besitzen, die älter sind als die Fabriken, in denen sie hergestellt werden — ein Paradox, das die Virgoner selbst mit Ironie behandeln und gegenüber ihren Kunden nie zugeben würden.
1.6 Rounds — Der Sport der Geduldigen
Der Nationalsport Virgons ist nicht Pyramid, sondern Rounds, ein Spiel, dessen Regeln in ihrer barocken Komplexität und dessen Dauer in ihrer heroischen Ausdehnung auch auf Virgonern einen gewissen Stolz der Erduldung auslösen. Rounds wird mit achtzehn Spielern pro Seite auf einem zweihundert Meter langen, viereckigen Feld gespielt; die Spieler tragen weiße Seide; eine Partie erstreckt sich über neun Tage, mit kanonischen Pausen für Mahlzeiten, Gottesdienste und zeremonielle Unterbrechungen. Die Regeln gelten für Nicht-Virgoner als undurchdringlich, und Virgoner neigen dazu, diesen Umstand gegenüber Besuchern als Beweis für die intellektuelle Überlegenheit ihres Sports anzuführen.
Virgon unterhält dennoch auch zwei Pyramid-Franchises: die Boskirk All Reds und Virgon United, letztere in Blousted beheimatet, als Zugeständnis an die interkoloniale Unterhaltungskultur. Der wahre virgonische Sportenthusiast allerdings verbringt seine freien Tage am Rande eines Rounds-Feldes, mit einem Klappstuhl, einer Thermoskanne und dem Bewusstsein, an einem Ritual teilzuhaben, das die Zeit selbst besiegt.
1.7 Das Paradox der fortdauernden Größe
Virgon ist eine Gesellschaft, die weiß, dass sie ihre Epoche hinter sich hat, und die gleichwohl nicht aufgibt, sich so zu verhalten, als sei dies nicht der Fall. Die königlichen Empfänge werden weiterhin mit der Präzision abgehalten, die sie immer hatten. Die Parlamentsreden werden weiterhin in jener hochgebildeten Sprache gehalten, die auf Caprica als anachronistisch gilt. Die Titel werden weiterhin vererbt, die Familien werden weiterhin registriert, die Zeremonien werden weiterhin vollzogen. Dass das alles von einer kolonialen Öffentlichkeit zunehmend als Folklore wahrgenommen wird, dringt nach Virgon zwar durch, aber es ändert nichts.
Diese Haltung hat auf den anderen Welten zu einem ambivalenten Image geführt. Die einen halten Virgon für den letzten Ort der Kolonien, an dem es noch Stil gibt; die anderen halten es für einen komischen Anachronismus, dessen Festhalten an ererbten Privilegien eine Zumutung für alle sei, die ihn nicht teilten. Die Virgoner selbst wissen, dass beide Urteile teilweise zutreffen, und sie haben im Laufe der Jahrhunderte gelernt, sich nicht daran zu stören. Wer zweitausend Jahre lang imperiale Macht ausgeübt hat, verlernt das Bedürfnis, auf Dauer beliebt zu sein.
Kapitel 2: Klima und Geographie von Virgon
2.1 Die blaue Welt
Wälder, Wasser, Weite
Virgon ist eine außerordentlich wasserreiche Welt. Weite Wälder, ausgedehnte Seen, langsame Flüsse prägen ein Landschaftsbild von jener gelassenen Fülle, die man auf Aerilon als Verschwendung und auf Gemenon als Sündhaftigkeit empfindet. Die klimatischen Bedingungen erstrecken sich von einem angenehmen, kontinental-gemäßigten Norden bis zu einem unbeständigen, regenreichen Süden — ein Klima, das die Virgoner als „abwechslungsreich“ bezeichnen und das Besucher, insbesondere aus den trockeneren Kolonien, als „nass“. Der Regenschirm ist auf Virgon ein Kleidungsstück, nicht ein Werkzeug, und sein Fehlen in der Garderobe eines Gastes wird als Zeichen mangelnder Vorbereitung gedeutet.
Der Himmel, der blau ist
Das atmosphärische Phänomen, das Virgons Himmel bläulich färbt, ist bereits im ersten Kapitel angesprochen worden. Hier sei ergänzt, dass dieses Phänomen auch für Reisende, die es kennen, bei jedem neuen Besuch einen kleinen Moment der Verwirrung auslöst: Der Himmel sieht zwar blau aus wie überall, aber er ist anders blau, nämlich zu blau, zu weich, zu geschmackvoll, als habe ein talentierter Maler dezent nachgeholfen. Die Virgoner, für die dies der normale Anblick ist, bemerken es nicht mehr; Besucher bemerken es stundenlang. Auf den Photographien, die Reisende mit nach Hause nehmen, wird die Farbe regelmäßig als „unecht“ empfunden und auf Filtereinstellungen zurückgeführt, was auf Virgon zu den Lieblingsanekdoten gehört, mit denen man auswärtige Gäste bei Dinnerempfängen unterhält.
2.2 Die Kontinente und ihre Temperamente
Der kultivierte Norden
Der nördliche Hauptkontinent Virgons, auf dem Boskirk und Blousted liegen, ist die klimatisch milde und landschaftlich gepflegte Seite der Kolonie. Ausgedehnte Parklandschaften, aus Jahrhunderten der Landschaftsarchitektur erwachsen, verbinden sich hier mit Wäldern, Seen und jenem hügeligen Umland, das die englisch anmutenden Landsitze des virgonischen Adels trägt. Die Landwirtschaft ist traditionsbewusst und ineffizient, aber die Produkte, Tee, Obst, spezialisierte Getreidesorten, Käse aus den Hochweiden, sind von jener Qualität, die sich aus Zeit und Geduld ergibt und nicht aus Optimierung.
Der rauere Süden
Der südliche Kontinent, Heimat Hadrians und der großen Minengebiete, ist rauer, kühler und regenreicher. Das Klima neigt zur Unbeständigkeit, die Landschaft zur Dramatik: zerklüftete Küsten, dunkle Wälder, Hochmoore, in denen die älteren virgonischen Legenden spielen und in denen ein beträchtlicher Teil der virgonischen Schauerliteratur angesiedelt ist. Die Bevölkerung des Südens gilt als härter, direkter, weniger bereit, gesellschaftliche Rituale zu respektieren, die im Norden als selbstverständlich gelten. Ein Politiker aus Hadrian trägt diesen Herkunftshinweis wie eine leicht verrufene Tätowierung: Es macht ihn interessant, aber es disqualifiziert ihn nie ganz von den höchsten Ämtern.
2.3 Die Architektur der Überlieferung
Boskirk — Die konservative Moderne
Nach den schweren Bombardierungen des Ersten Cylonenkriegs entschied sich Virgon, wie Leonis, für die originalgetreue Rekonstruktion seiner historischen Stadtbilder. Die Debatte darüber war in Virgon allerdings wesentlich kürzer als auf Leonis: Ein Vorschlag, die Capricaner zur Modernisierung nachzuahmen, wurde im Parlament mit einer Deutlichkeit zurückgewiesen, die dem Thema bis heute jede Wiederaufnahme verweigert. Boskirk steht also, wie es einmal stand — mit einigen Zugeständnissen an Aufzugstechnik, Gebäudesicherheit und Brandschutz, die man diskret hinter den rekonstruierten Fassaden unterbringt.
Die Glastürme, die die Skyline Caprica Citys prägen, sind in Boskirk auf einige wenige Bezirke beschränkt, die man gelegentlich „den capricanischen Kragen“ der Stadt nennt. Dass diese Bezirke ökonomisch zu den bedeutendsten gehören, ändert nichts daran, dass sie in der städtebaulichen Selbstdarstellung kaum vorkommen. Eine offizielle Tourismusbroschüre Boskirks zeigt die Glastürme allenfalls im Hintergrund einer Parade, niemals als Motiv.
Die Landsitze und die stille Auflösung
Über die Landschaft des Nordens verteilen sich die Landsitze des virgonischen Adels — Anwesen von unterschiedlicher Größe und unterschiedlichem Verfall, die in den letzten Jahrzehnten einem stillen Wandel unterworfen waren. Die seit etwa einem Jahrhundert vom Parlament verfolgte Politik, den Adel „höflich zu bitten“, seinen Grundbesitz der Staatsverwaltung zu übereignen, hat dazu geführt, dass die meisten größeren Liegenschaften heute in öffentlicher Hand sind. Die Familien selbst bewohnen häufig noch einen Flügel des alten Hauses, während der Rest als Museum, Tagungsstätte oder Verwaltungssitz fungiert. Diese Halbentfremdung vom eigenen Erbe — wohnend zwischen Touristen, die durch den früheren Musiksaal geführt werden — ist eine der Hauptquellen jener melancholischen Grundstimmung, die die virgonische Oberschicht kennzeichnet.
2.4 Die Psychologie der langen Linie
Die Virgoner entwickeln schon früh ein Zeitgefühl, das sich von dem der meisten anderen Kolonisten unterscheidet. Wer in einer Familie aufwächst, deren Stammbaum siebzehn Generationen zurückreicht, lernt, in Dezennien zu denken, nicht in Jahren. Dieses Zeitgefühl prägt die politische Kultur, die Kunst, das Alltagsverhalten. Man plant langfristig, man trauert langfristig, man rächt sich langfristig. Ein virgonisches Sprichwort besagt: „Wer eilt, erbt nichts.“
Die Kehrseite dieser Langsamkeit ist eine bestimmte Taubheit gegenüber Veränderungen, die sich nicht dem eigenen Rhythmus beugen. Die Tatsache, dass Caprica innerhalb weniger Jahrzehnte zur dominanten kulturellen Macht der Kolonien wurde, ist von Virgon zwar registriert, aber nie wirklich integriert worden. Man betrachtet das capricanische Jahrhundert ungefähr so, wie man eine Mode beobachtet: mit höflichem Interesse und der Gewissheit, dass sie vorübergehen wird. Dass sie nicht vorübergegangen ist, sondern sich vertieft hat, beginnt erst langsam zu einer Irritation zu werden, die sich auch in der virgonischen Selbstdeutung niederschlägt.
Kapitel 3: Die Geschichte von Virgon — Vom Exodus zum Fall
3.1 Die Gründung und das dunkle Zeitalter (2850–3300)
Die Landung des Stammes der Jungfrau
Die Überlieferungen berichten, dass der Stamm der Jungfrau nach dem Exodus von Kobol jenen Planeten erreichte, der fortan Virgon heißen sollte, und sich dort unter dem Schutz der Göttin Hestia niederließ. Die Gründungslegenden sprechen nicht von Eroberung, sondern von Ansiedlung, nicht von göttlicher Mission, sondern von häuslicher Ordnung. Die erste Siedlung, die später zu Boskirk heranwachsen sollte, wurde nicht als Festung gegründet, sondern als Tempel mit angegliederten Wohnstätten — eine Gründungsgeste, die den Charakter der virgonischen Zivilisation prägen sollte.
Die Jahrhunderte, die auf die Landung folgten, teilt Virgon mit den anderen Kolonien jene Phase der Kataklysmen und des Wissensverlustes, die die Historiker das dunkle Zeitalter nennen. In Virgon wurde dieses dunkle Zeitalter jedoch kürzer als andernorts durchlebt: Die Priester der Hestia, mit ihrer Obsession für Kontinuität und Überlieferung, bewahrten einen größeren Anteil des kobolischen Wissens als etwa die frühen Gesellschaften Aerilons oder Scorpias. Als die Raumfahrt wiederentdeckt wurde, war Virgon eine der ersten Welten, die sich wieder am interkolonialen Austausch beteiligte.
3.2 Das Virgon-Imperium (3300–4000)
Die Ära der Expansion
Das Virgon-Imperium entstand nicht aus einer expliziten Eroberungsideologie, sondern aus der schlichten Tatsache, dass Virgon nach dem Ende des dunklen Zeitalters über eine erhebliche technologische und militärische Überlegenheit gegenüber den meisten anderen Kolonien verfügte. Was zunächst als Handelsbeziehungen begann, verfestigte sich zu Protektoraten und schließlich zu Kolonien. Im Laufe von rund sieben Jahrhunderten etablierte Virgon Niederlassungen und Besatzungen auf Libran, Picon, Sagittaron, Scorpia, Tauron und der vergessenen Welt Troy.
Die virgonische Imperialpraxis war vergleichsweise indirekt: Man bevorzugte die Einsetzung willfähriger lokaler Eliten gegenüber der direkten Verwaltung, man vererbte kulturelle Muster statt sie aufzuzwingen, man zog Tribute in Form von Rohstoffen und Soldaten, ohne sich mit der Alltagsverwaltung der Untertanen zu belasten. Diese Form der Herrschaft galt in Virgon selbst als besonders zivilisiert — ein Urteil, das die betroffenen Kolonien nicht notwendigerweise teilten. Auf Tauron und Sagittaron ist die Erinnerung an die virgonische Besatzung bis heute Quelle eines tiefen, verbitterten Grolls; auf Picon hat sie sich in eine Art ambivalenter Vertrautheit verwandelt, die heute als kulturelle Nähe zwischen beiden Welten gedeutet wird.
Der Krieg mit Leonis
Gegen 4000 der kobolischen Zeitrechnung traf das Virgon-Imperium auf das zweite große expansive Projekt der kolonialen Geschichte: das Leonische Kaiserreich unter Artemis. Was folgte, war ein Jahrhundert intermittierender Kriege, Allianzen, Intrigen und wirtschaftlicher Zermürbung, den die virgonische Historiographie als „Den Großen Krieg“ bezeichnet und die leonische Historiographie als eine Phase unter vielen. Virgon gelang es unter geschickter Bündnispolitik, die leonische Hegemonie in Teilen zurückzudrängen — allerdings um den Preis einer Erschöpfung, die den Niedergang des eigenen Imperiums einleitete.
Die offizielle virgonische Erinnerung an diesen Krieg ist eine Erzählung von Tapferkeit, Opfern und einem schließlich gerechten Ausgang. Die weniger offizielle Lesart gesteht zu, dass Virgon seine Hegemonialstellung in diesem Konflikt tatsächlich verspielte, ohne sie je zurückzugewinnen. Der Spitzname „Imperial Virgon“, den sich die Kolonie bis heute erhalten hat, datiert im Wesentlichen aus dieser Epoche — und er ist, wie die Virgoner wissen, nicht frei von Spott.
3.3 Der lange Rückzug (4000–4500)
Der Verlust der Kolonien
Zwischen 4000 und 4500 verlor Virgon schrittweise die Kontrolle über seine Besitzungen. Die Unabhängigkeitsbewegungen auf Tauron, Scorpia und Sagittaron nutzten die geschwächte Position der Hauptkolonie; Libran und Picon lösten sich in Verhandlungen, die als Modernisierungen vermarktet wurden und in der Substanz Autonomievereinbarungen waren. Am Ende dieser Epoche war Virgon wieder das, was es vor der imperialen Phase gewesen war: eine mittelgroße, kulturell bedeutende, wirtschaftlich solide Kolonie — mit dem Unterschied, dass nun jede andere Kolonie eine detaillierte Vorstellung davon hatte, wer Virgon einmal gewesen war und was man von seinen Erben zu halten habe.
Der Aufstieg des Parlaments
Parallel zum äußeren Rückzug vollzog sich im Inneren ein politischer Wandel, der die virgonische Gesellschaft bis heute prägt. Das Parlament, ursprünglich ein beratendes Gremium der Krone, begann Schritt für Schritt legislative Befugnisse zu beanspruchen. Das House of Commoners, gewählt aus dem niederen Adel und dem aufstrebenden Bürgertum, stellte sich zunehmend gegen das House of Nobels, in dem der hohe Adel und die Priesterschaft saßen. Die Konflikte verliefen selten offen; Virgon vollzieht seine Revolutionen diskret. Am Ende dieser Epoche hatte das House of Commoners die legislative Zentralmacht errungen, ohne dass das House of Nobels formal entmachtet worden wäre — eine Lösung, die für die politische Kultur Virgons charakteristisch ist: man schafft nichts ab, man nimmt nur die Bedeutung fort.
3.4 Die Moderne (4500–4800)
Die konstitutionelle Monarchie
Die heutige politische Ordnung Virgons nahm im Verlauf des 46. und 47. Jahrhunderts ihre jetzige Gestalt an. Das House of Commoners mit seinen 659 direkt gewählten Abgeordneten wurde zur eigentlichen Regierungskammer; das House of Nobels mit seinen 300 adligen Mitgliedern und 100 Priestern behielt eine beratende Funktion und ein aufschiebendes Vetorecht von höchstens einem Jahr Dauer. Die Krone wurde zunehmend zeremoniell, ohne je abgeschafft zu werden — eine Konstellation, die Virgon mit einer gewissen Zufriedenheit erfüllte, denn sie ermöglichte es, moderne politische Praktiken zu übernehmen, ohne das historische Selbstbild aufzugeben.
Seit der Gründung der Vereinigten Kolonien von Kobol und der Verlagerung der föderalen Hauptstadt nach Caprica hat sich dieser Prozess beschleunigt. Die Krone ist heute weitgehend repräsentativ, der Adel politisch marginalisiert, der Grundbesitz der alten Familien weitgehend in staatliche Verwaltung übergegangen. Virgon ist formell noch immer eine konstitutionelle Monarchie, faktisch aber eine parlamentarische Demokratie mit monarchischer Fassade, ein Arrangement, das den Virgonern erlaubt, sich gleichzeitig modern und traditionsbewusst zu fühlen.
Der Erste Cylonenkrieg und die Unterzeichnung der Kolonisationsartikel
Der Erste Cylonenkrieg traf Virgon mit der gleichen Härte wie die anderen Kolonien. Boskirk und Hadrian wurden schwer bombardiert, die industrielle Infrastruktur des Südens erlitt langfristige Schäden, die königliche Familie wurde für die Dauer des Krieges in ein unterirdisches Ausweichquartier verlegt. Die Rekonstruktion danach erfolgte, wie oben erwähnt, originalgetreu und mit einer Gründlichkeit, die auf Caprica als Übertreibung empfunden wurde.
Die politische Folge des Krieges war die Unterzeichnung der Kolonisationsartikel und die Gründung der Vereinigten Kolonien von Kobol — ein Schritt, den Virgon mit gemischten Gefühlen vollzog. Einerseits war die föderale Einigung die pragmatisch notwendige Antwort auf die zylonische Bedrohung; andererseits bedeutete sie, dass die Kolonie, die einst die anderen Welten beherrscht hatte, nun eine Stimme unter zwölf abgab. Die virgonische Königsfamilie behielt ihren Status als planetares Staatsoberhaupt — eine der letzten verbliebenen monarchischen Institutionen der Kolonien. Dass Boskirk damit aufhörte, die Hauptstadt der Kolonien zu sein, wurde in den offiziellen Reden nicht thematisiert; in den Boudoirs und Klubs der virgonischen Oberschicht jedoch über Jahrzehnte hinweg mit stiller Bitterkeit kommentiert.
3.5 Die letzten Jahrzehnte und das Haus Haldriss
König Haldon und Königin Hadrianne
König Haldon und Königin Hadrianne Haldriss regierten Virgon in den Jahrzehnten vor ihrem Tod im Jahr 4788 — einem Flugzeugabsturz, dessen Umstände nie vollständig aufgeklärt wurden und der in virgonischen Verschwörungstheorien noch heute eine feste Rolle spielt. Ihre einzige Tochter Nathalie, zum Zeitpunkt des Unglücks noch ein Kind, wurde unter Regentschaft erzogen und bestieg später den Thron unter schwierigen politischen Umständen.
Königin Nathalie und Prinzgemahl Merrin Ashford
Die junge Queen Nathalie, deren früher Wunsch, Pop-Sängerin zu werden, die Presse der Kolonien jahrelang amüsierte und die Hofetikette verzweifeln ließ, wuchs unter den Augen einer Öffentlichkeit heran, die ihre Entwicklung zwischen Mitleid, Spott und Faszination begleitete. Die Heirat mit Merrin Ashford, dem jüngsten der vier Ashford-Kinder, war ein gesellschaftliches Ereignis, das nicht nur wegen der romantischen Implikationen, sondern auch wegen der Irritation der Hofetikette Aufsehen erregte: Ein Viertgeborener als Prinzgemahl widersprach allen Gepflogenheiten, nach denen die Krone sich bevorzugt mit Erstgeborenen verbindet. Dass Nathalie zuvor das öffentliche Werben des Duke Emric Thornwall, eines gesellschaftlich „akzeptablen“ Kandidaten, zurückgewiesen hatte, gab der Verbindung einen Anstrich von Eigensinn, den die Presse der anderen Kolonien als sympathisch, die konservativen Zirkel Virgons selbst als bedenklich werteten.
Aus der Ehe ging eine einzige Tochter hervor, Prinzessin Linnea, geboren am 276. Tag des Jahres 4836 — ein Datum, dessen ominöse Bedeutung niemand ahnen konnte, das aber in späteren Jahren als prophetisches Zeichen gedeutet werden sollte. Dass die Thronfolge damit wieder nur an einem einzigen Leben hing, wurde in den alten Familien Virgons mit der gewohnten Mischung aus Besorgnis und Stoizismus zur Kenntnis genommen.
Epilog: Das Ende (4856)
Am 276. Tag des Jahres 4856 erreichte der cylonische Angriff auch Virgon. Die Hauptstadt Boskirk wurde in den ersten Stunden des Krieges bombardiert und weitgehend zerstört. Admiral Nagala, der das Kommando über die Koloniale Flotte übernommen hatte, führte eine persönliche Gegenoffensive im Orbit von Virgon; der Angriff brach zusammen, als der in die neue Navigationssoftware eingeschmuggelte Cylonen-Code die Flottensysteme lähmte. Was von Admiral Nagala blieb, waren Funkfragmente und das Wissen, dass er einer der wenigen gewesen war, die bis zum Ende gekämpft hatten.
Über das Schicksal der königlichen Familie gibt es widersprüchliche Berichte. Die wahrscheinlichste Version lautet, dass Queen Nathalie, Prinzgemahl Merrin und Prinzessin Linnea in den ersten Angriffsstunden im königlichen Palast zu Boskirk ums Leben kamen. Einige Überlebende berichten von Notfallevakuierungsplänen, die nie umgesetzt werden konnten; andere sprechen von Sichtungen der Queen in den Tagen nach dem Angriff, die aber alle unbestätigt geblieben sind. Das Haus Haldriss, das über neun Jahrhunderte den Thron Virgons innegehabt hatte, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit erloschen — ein Umstand, der in den virgonischen Kreisen der überlebenden Flotte eine eigene, stille Trauer ausgelöst hat, die nicht immer mit der öffentlichen Trauer um die Kolonie als ganze zusammenfällt.
Kapitel 4: Das politische und soziale System Virgons
4.1 Das virgonische Parlament
Das House of Commoners
Das House of Commoners, mit 659 auf fünf Jahre gewählten Abgeordneten, ist die legislative und politische Zentralkammer Virgons. Aus seinen Reihen geht der Premierminister hervor, der zur Amtsführung die Mehrheit der Abgeordneten hinter sich versammeln muss. In der Praxis sind es zwei große Parteien, die sich die Macht teilen — die eher wirtschaftsliberale „Progressive Coalition“ und die traditionsbewusste „Virgon Conservative Party“ —, flankiert von einer Reihe kleinerer Gruppierungen, die je nach Mehrheitsverhältnis an Bedeutung gewinnen oder verlieren. Die politische Kultur des Hauses ist formal, redegewandt und auf eine Weise höflich, die Außenstehenden als theatralisch erscheint und Insidern als Ausdruck der richtigen Ernsthaftigkeit.
Das House of Nobels
Das House of Nobels versammelt 300 titeltragende Adlige, deren Sitze erblich sind und überwiegend von Dukes, Counts, Viscounts und Barons besetzt werden, sowie 100 Priester, deren Auswahl der nicht-geistlichen Öffentlichkeit traditionell nicht offengelegt wird. Die Kammer kann Gesetzesentwürfe prüfen, überarbeiten und bis zu einem Jahr aufschieben, aber nicht mehr dauerhaft blockieren. Ihre Reden sind für ihre literarische Qualität berühmt und für ihre politische Wirkung unberühmt.
Historisch war das House of Nobels die eigentliche Regierungskammer des Landes, und manche seiner älteren Mitglieder behandeln es noch immer so — eine Haltung, die in den Reformdebatten der letzten hundert Jahre als pittoresk, in den Augen der jüngeren Generation als peinlich gilt. Der Versuch, das Oberhaus ganz abzuschaffen, wurde seit einem Jahrhundert mehrfach unternommen und jedes Mal diskret begraben: Virgon zieht es vor, seine Institutionen verblassen zu lassen, statt sie zu töten.
4.2 Die Krone — Das Haus Haldriss
Die Monarchie und ihre Funktion
Die virgonische Monarchie ist heute weitgehend zeremoniell. Der König oder die Königin eröffnet das Parlament, empfängt ausländische Staatsgäste, ernennt formal den Premierminister und erteilt den Gesetzen die königliche Zustimmung — Akte, die in der Praxis keinen Ermessensspielraum mehr lassen. Dennoch geht von der Krone eine Wirkung aus, die sich nicht in Kompetenzen messen lässt. Sie ist das Symbol der Kontinuität, der Adressat der Volksliebe und, in Zeiten politischer Krise, der stille Schiedsrichter, dessen Ansehen Streitigkeiten beenden kann, wo die Parteien versagen.
Das Haus Haldriss und seine Geschichte
Das Haus Haldriss bestieg den virgonischen Thron vor rund neun Jahrhunderten und hat seither ununterbrochen regiert — eine dynastische Kontinuität, die in den Kolonien ihresgleichen sucht. Der letzte Regent vor Königin Nathalie war ihr Vater König Haldon, dessen Regierungszeit als ruhig und uninspiriert gilt und dessen Tod 4788 beim Absturz eines königlichen Flugzeugs zusammen mit Königin Hadrianne die Dynastie in eine Regentschaftskrise stürzte. Die Regentschaft wurde von einem Rat führender Dukes ausgeübt, bis Prinzessin Nathalie volljährig wurde — eine Phase, die in den Memoiren der Überlebenden als „die langen Jahre“ bezeichnet wird.
Die Thronfolge ist geschlechtsblind und orientiert sich streng am Geburtsrecht des erstgeborenen Kindes. Sollte das regierende Haus ohne Erben sterben — eine Möglichkeit, die sich mit Prinzessin Linnea als einziger Thronfolgerin zuletzt bedenklich verdichtete —, so würde der Thron an die Inhaber der Herzogstitel übergehen, wobei eine nicht-öffentliche Rangfolge gilt, die in den Adelskreisen allgemein bekannt, in der breiten Öffentlichkeit aber kaum geläufig ist.
4.3 Der Adel — Eine funktionale Betrachtung
Die Ränge und ihre Bedeutung
Der virgonische Adel umfasst, nach dem aktuellen Stand der Registrierung, rund dreizehntausendfünfhundert Titelträger, von denen nur rund viertausendfünfhundert — die jeweils Erstgeborenen — ihren Titel vererben können. Die Rangordnung unterhalb der Krone gliedert sich in Dukes und Duchesses (94 Personen mit erblichen Sitzen im Oberhaus), Counts und Countesses (188 Personen, 77 davon mit Sitz im Oberhaus), Viscounts und Viscountesses (1881 Personen, 71 mit Sitz im Oberhaus) und Barons und Baronesses (2352 Personen, 58 mit Sitz im Oberhaus). Die Titel Lord und Lady fungieren als allgemeine höfliche Ansprache für titeltragende Personen, während die Königsfamilie und ihre unmittelbaren Nachkommen als Ihre beziehungsweise Seine Königliche Hoheit angesprochen werden.
Titel können auch von jüngeren Kindern einer Familie geführt werden — eine Praxis, die in den Kolonien außerhalb Virgons oft zu der irrigen Annahme führt, jeder Träger eines Adelstitels sei auch Erbe seiner Familie. Die virgonische Presse allerdings verwendet Titel mit einer Großzügigkeit, die der journalistischen Wirkung zugutekommt: Eine Nachricht über „Baroness Merrowell“ klingt gewichtiger als eine Nachricht über eine Parlamentarierin gleichen Namens, und so wird es gehandhabt. Sir und Dame sind Ehrentitel, die der Monarch oder die Monarchin für besondere Verdienste verleihen kann, meist militärischer Natur — eine Praxis, die Virgon mit Picon teilt, obwohl die piconische Praxis weit seltener davon Gebrauch macht.
Die Drei-Kinder-Tradition
Die adligen Familien Virgons beobachten eine Tradition der Drei-Kinder-Aufteilung, die so alt ist wie der Adel selbst und die sich inzwischen auch unter den neureichen Häusern etabliert hat, die sich der alten Welt zuzuordnen wünschen. Das erste Kind ist für das Haus bestimmt — für den Grundbesitz (soweit er noch besteht), für den Familiennamen, für die Erbfolge. Das zweite Kind geht in ein dienendes Amt: in die Politik, in die Priesterschaft, in eine öffentliche Funktion. Das dritte Kind geht traditionell zum Militär.
Diese Zuschreibung ist nicht formal verpflichtend, aber der gesellschaftliche Druck ist erheblich, und die Abweichung von ihr erfordert Gründe, die das Haus zu rechtfertigen bereit sein muss. Familien, die aus biologischen Gründen kein drittes Kind bekommen können, greifen nicht selten zur Adoption, wobei der Aufwand zur Geheimhaltung dieser Adoption mit dem Rang der Familie steigt. Reisen nach Scorpia, Canceron oder Sagittaron, aus denen man mit einem neuen Kind zurückkehrt, sind in der virgonischen Oberschicht ein offenes Geheimnis, über das man nicht spricht und das jeder kennt. Dass die so adoptierten Kinder rechtlich wie leibliche Kinder erben können, ist Ausdruck jener virgonischen Pragmatik, die die Form der Kontinuität wichtiger nimmt als ihre biologische Substanz.
Die Ehe unter Adligen
Bei Ehen zwischen Adligen wird der Name des höheren Titels weitergetragen, unabhängig vom Geschlecht der Träger. Diese auf den ersten Blick neutrale Regel hat über Jahrhunderte komplexe strategische Überlegungen bei der Partnerwahl erzeugt: Wer wen heiraten darf, wen heiraten sollte, wen heiraten wird, ist Gegenstand einer eigenen halbprofessionellen Beratungsliteratur. Der bekannte Fall der Commander Elara Tennant, geborene Ashford, die bei ihrer Heirat mit der Tennant-Erbin Cori Tennant ihren Countess-Titel aufgab — woraufhin dieser an ihre jüngere Schwester Linnet Ashford überging —, illustriert die Eleganz wie die Absurdität dieses Systems. Die Presse berichtete damals mit jener Mischung aus Romantik und Erbschaftsbuchhaltung, die das virgonische Gesellschaftsjournal seit Generationen kennzeichnet.
Einige Stimmen des virgonischen Adels
Unter den Adelsfamilien der letzten Jahre ragten einige Stimmen hervor, deren Namen auch außerhalb Virgons ein gewisses Echo fanden. Duke Emric Thornwall, eine Zeit lang Delegierter Virgons im People's Council, wurde wegen seiner öffentlich geäußerten Ansichten gegen die Abschaffung der Armut abgewählt — ein Vorgang, der in den liberaleren Kreisen der Kolonien Anstoß erregte und auf Virgon selbst mit jener typischen Mischung aus Verlegenheit und trotziger Solidarität aufgenommen wurde, mit der alte Familien die Peinlichkeiten ihrer Mitglieder zu handhaben pflegen. Seine Schwester, Duchess Aveline Thornwall, Captain der Colonial Fleet, dient auf der Scorpia-Flottenwerft und gilt als das angesehenere Gesicht des Hauses.
Duke Rupert FitzAlan-Hawkesbury, politisch in Caprica aktiv, wurde in den letzten Jahren als Kandidat für das People's Council gehandelt, ohne bislang gewählt worden zu sein. Baroness Marienne Merrowell gehört zu den konsequentesten Stimmen für den Erhalt der Monarchie in ihrer jetzigen Form — eine Position, die sie mit einer Eloquenz vorträgt, die selbst ihre Gegner als beachtlich anerkennen. Countess Viera Penharrow diente als Colonel auf der Triton, und Viscountess Elara Tennant, geborene Ashford, als Commander auf der Battlestar Demeter: Die Colonial Fleet ist, wie so oft im virgonischen System, das Reservat der dritten Kinder und jener Zweit- oder Erstgeborenen, die sich für einen weniger familiären Pfad entscheiden.
Weniger rühmlich, aber ebenso bekannt, ist der Fall von Countess Linnet Ashford und ihrem Ehemann Orwin, die vor einigen Jahren bei einer Steuerhinterziehung großen Ausmaßes überführt wurden — einer Affäre, die ihre Wurzeln in einem alten Geschäft auf Aerilon hatte und die in der virgonischen Presse mit der wohligen Empörung kommentiert wurde, die man skandalösen Nachrichten über die eigenen Oberschichten stets entgegenbringt. Der Titel Countess ging dabei nicht verloren, aber der Ruf des Hauses Ashford erlitt einen Schaden, der bis heute nachwirkt.
Kapitel 5: Hibernia — Der Mond, den man nicht los wird
5.1 Eine geographische und politische Lage
Hibernia, der einzige bewohnte Mond Virgons, ist formell Teil der virgonischen Kolonie und damit der Vereinigten Kolonien von Kobol. Seine Einwohner sind virgonische Staatsbürger, sein Delegierter im People's Council sitzt auf einem virgonischen Mandat, sein Rechtssystem ist dem virgonischen Zivilrecht unterstellt. Diese formale Zuordnung erschöpft jedoch nicht, was Hibernia ist, und sie erklärt nicht, warum der Mond in der politischen Sprache der Kolonien gelegentlich als „das Problem“ bezeichnet wird, das Virgon mit sich herumschleppt.
Hibernia ist eine fruchtbare, wasserreiche Welt mit einem milderen Klima, als seine Bahnmechanik vermuten lassen würde, und mit einer Bevölkerung, die ihre Eigenständigkeit über Jahrhunderte mit einer Hartnäckigkeit bewahrt hat, die auf Virgon wechselweise mit väterlicher Nachsicht und mit beträchtlicher Gereiztheit quittiert wird. Der Name Hibernia stammt aus einem alten kobolischen Wort für „Winterland“ — eine Ironie, denn der Mond ist gerade nicht das kälteste Territorium des Systems, aber der Name hat sich so stabil gehalten wie die Melancholie seiner Bewohner.
5.2 Die Geschichte einer Abhängigkeit
Hibernia wurde während der frühen Expansion Virgons als Agrarkolonie erschlossen. Über Jahrhunderte produzierte der Mond einen erheblichen Anteil der Nahrungsmittel, die die virgonische Hauptwelt konsumierte — eine Arbeitsteilung, die auf Hibernia als Ausbeutung erlebt und auf Virgon als natürliche Ordnung der Dinge betrachtet wurde. Die Kompensation, die Hibernia für seine Lieferungen erhielt, blieb unter dem Marktwert; die militärische Überlegenheit Virgons stellte sicher, dass dies auch so blieb. Die Erinnerung an diese Jahrhunderte der wirtschaftlichen Knechtschaft ist auf Hibernia lebendig geblieben, wie solche Erinnerungen überall lebendig bleiben, wo das Unrecht nicht aufgearbeitet, sondern nur durch Vertragsrecht überzogen wurde.
Mit der Gründung der Vereinigten Kolonien von Kobol und der formalen Modernisierung des virgonischen Rechts verbesserte sich die Lage Hibernias nominell. Die Preise wurden angeglichen, die politische Vertretung wurde erweitert, die Diskriminierung hibernischer Bürger im virgonischen Alltagsleben wurde gesetzlich untersagt. In der gelebten Praxis blieb jedoch vieles wie es war: Ein hibernischer Akzent in einem Boskirker Geschäftsgespräch bleibt ein sozialer Nachteil, ein hibernischer Name auf einer Bewerbungsliste eine Hürde, und der Satz „ich bin von Hibernia“ trägt in virgonischen Salons einen leisen Beiklang von Entschuldigung mit sich.
5.3 Die politische Dimension
Die legalen Stimmen
Die formale politische Vertretung der hibernischen Anliegen im virgonischen Parlament wird vor allem von zwei Gestalten getragen, deren Namen in den Koloniepresseberichten der letzten Jahre immer wieder auftauchten: Count Finn Ellington-Vantrell, Politiker aus alter hibernischer Adelsfamilie und seit Jahrzehnten unermüdlicher Verfechter einer gleichberechtigten Behandlung des Mondes; und Baron Mulgrave, pragmatischer Taktiker, der die Anliegen Hibernias in Koalitionen mit virgonischen Reformkräften zu verankern sucht. Beide Männer genießen auf Hibernia einen Respekt, der ihre parlamentarischen Erfolge übersteigt, und auf Virgon eine höfliche Distanz, die ihren politischen Stil nicht weniger respektiert, aber ihre Sache weniger teilt.
Die illegalen Stimmen
Jenseits der parlamentarischen Politik existiert auf Hibernia eine andere Tradition, die von offizieller Seite kaum dokumentiert und von der Gesellschaft mit einer Mischung aus Scham und verstohlener Solidarität behandelt wird: eine Tradition des bewaffneten Widerstands, die sich seit Generationen in wechselnden Organisationsformen erneuert. Bombenattentate auf virgonische Verwaltungsgebäude, Sabotageakte gegen Versorgungsleitungen, gelegentliche Angriffe auf virgonische Sicherheitskräfte — diese Ereignisse haben im Lauf der letzten Jahrzehnte eine eigene Chronik gebildet, die von der virgonischen Regierung als „Kriminalgeschichte“ und von Teilen der hibernischen Bevölkerung als „Widerstandsgeschichte“ gelesen wird. Welche der beiden Lesarten die richtige ist, ist eine Frage, die in beiden Gesellschaften unterschiedlich beantwortet wird und die die Gräben zwischen ihnen vertieft, statt sie zu überbrücken.
Die Parallelen zu den politischen Konflikten anderer Kolonien sind den Beobachtern nicht entgangen: Die hibernische Situation hat strukturelle Ähnlichkeiten mit der Sagittaronisch-Capricanischen Spannung und teilt mit jener auch das zweideutige Problem der Gewalt — die Frage, wann Widerstand gerecht ist, wann er ungerecht wird, und wer das am Ende beurteilt. Die offiziellen Stellen Virgons verweigern jeden Vergleich mit Sagittaron; die inoffiziellen Kommentare in den Clubs Boskirks ziehen ihn regelmäßig.
5.4 Kultur und Eigensinn
Die hibernische Kultur hat sich unter dem Druck der virgonischen Dominanz eine Eigenständigkeit bewahrt, die auf den ersten Blick unauffällig wirkt und bei genauerem Hinsehen bemerkenswert ist. Die hibernische Sprache — formell ein Dialekt des Virgonischen, faktisch eine eigene Sprache mit ausgeprägter Grammatik, eigenem Vokabular und einer musikalischen Kadenz, die das virgonische Hochdeutsch nicht kennt — wird in den ländlichen Gebieten des Mondes noch alltäglich gesprochen und in den Städten zumindest als Haussprache gepflegt. Die hibernische Musik, geprägt von alten Balladen, lebt in den Pubs und Gemeindezentren des Mondes fort und hat in den letzten Jahrzehnten eine kleine, aber treue Anhängerschaft in den intellektuellen Kreisen der anderen Kolonien gewonnen, die in ihr jenes Authentische zu finden glauben, das sie in ihren eigenen Kulturen vermissen.
Der hibernische Humor ist dunkler als der virgonische und nimmt weniger Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen. Eine hibernische Pointe trifft zuerst den eigenen Stand, dann die Obrigkeit, dann gegebenenfalls den Gott, der das alles zugelassen hat — eine Reihenfolge, die in Boskirker Salons gelegentlich Empörung und in hibernischen Wirtsstuben anhaltendes Gelächter auslöst. Die wechselseitige Verständnisbarriere dieser humoristischen Tradition ist eine der dauerhaftesten Trennlinien zwischen den beiden Welten.
5.5 Ausblick und Verschwinden
Kurz vor dem cylonischen Angriff hatte sich auf Hibernia eine neue Generation politischer Stimmen formiert, die eine umfassende Autonomievereinbarung mit Virgon forderte und in bestimmten Fraktionen sogar eine vollständige Unabhängigkeit ins Gespräch brachte. Ob diese Bewegung mittelfristig politisch erfolgreich gewesen wäre, lässt sich nicht mehr feststellen: Der Angriff machte alle Fragen dieser Art gegenstandslos. Hibernia wurde zusammen mit Virgon und den übrigen Kolonien bombardiert und liegt heute ebenso in Ruinen wie der Mutterplanet. Unter den Überlebenden der Flotte sind Hiberner zahlreich — zahlreicher als statistisch zu erwarten wäre, was unter anderem damit zu tun hat, dass ein großer Teil der Agrarschiffe, die in der interkolonialen Versorgung eingesetzt waren, hibernische Besatzungen hatte und sich in den ersten Stunden des Angriffs außerhalb der primären Ziele befand.
Das Verhältnis zwischen virgonischen und hibernischen Überlebenden ist in der Flotte ein eigenes Kapitel. Manche Spannungen sind in der gemeinsamen Katastrophe verblasst; andere haben sich vertieft, weil die enge Nachbarschaft in den Schiffsgängen die alten Ressentiments nicht verschwinden lässt, sondern konserviert. Ein Hiberner, der mit einem Virgoner am gleichen Tisch isst, denkt an die neunhundert Jahre, die dieser Moment ignoriert; ein Virgoner, der neben einem Hiberner steht, denkt selten daran, aber gelegentlich tut er es doch. Diese asymmetrische Last ist das zuverlässigste Merkmal jeder kolonialen Beziehung, und sie hat den Untergang der Welten nicht aufgegeben.
6. Irdische Entsprechung
Farbe: Dunkelrot │ Dominantes Merkmal: Rotjacken
Kurzversion:
Virgon regierte einmal die Kolonien — und hat es noch nicht ganz verwunden. Eine Monarchie im langsamen Verfall, ein starkes Parlament, das die Krone Stück für Stück entmachtet, und ein rebellischer Mond namens Hibernia, der von Unabhängigkeit träumt. Die Palastwachen tragen Rot, die Sonnenuntergänge sind blau, und die Universitäten bilden sich ein, die besten der Kolonien zu sein.
Ausführliche Notizen:
Großbritannien ist die eindeutige und fast ausschließliche Referenz, und zwar in voller Breite. Die Monarchie verliert an Einfluss, das Parlament gewinnt — die konstitutionelle Entwicklung Großbritanniens als Blaupause. Die roten Uniformen der Palastwachen sind die Rotjacken, visuell direkt bei der britischen Garde entlehnt. Die wichtigen Hochschulen sind Virgons Oxford und Cambridge — Elitebildung mit Standesdünkel, alte Gebäude, ältere Traditionen, und die leise Überzeugung, dass ein Virgon-Abschluss mehr wert ist als alles, was Caprica zu bieten hat.
Hibernia als rebellischer Mond ist Irland — der Name selbst ist der römische Name für Irland — inklusive der Unabhängigkeitsbestrebungen, des kulturellen Eigensinns, und des komplizierten Verhältnisses zur Zentralmacht. Die blau gefärbten Sonnenuntergänge sind ein atmosphärisches Detail, das Virgon von der irdischen Vorlage löst und ihm etwas Eigenes gibt. Virgons Selbstbild: ehemalige Großmacht, die Stil für Substanz hält und damit erstaunlich weit kommt.
Inspiration:
The Crown (für die Monarchie im Wandel), Downton Abbey (für den Ständedünkel), der reale Nordirland-Konflikt für Hibernia.
